Buch "Die Ökofalle - Nachhaltigkeit und Krise" von Christoph Spehr

Buch "Die Ökofalle - Nachhaltigkeit und Krise" Christoph Spehr

Öko liegt im Trend und nachhaltige Lebensstile werden für immer mehr Menschen ein Thema. Doch warum hilft dies nicht den gegenwärtigen Trend im Ressourcenverbrauch zu stoppen? Spehr zeigt, warum ein grüner Kapitalismus die Probleme nicht lösen wird und ohne eine Herrschaftskritik, ökologische Lebensstile sinnlos sind.

Ökologische Lebensstile in der Ökofalle

Kernthese seines Werkes ist die Ökofalle, in der wir gefangen sind. Ökologisch orientierte Lebensstile predigen oft den Verzicht: weniger Fliegen, weniger Autofahren oder weniger Luxuskonsum von den vielen kleinen Dingen, die uns das Leben versüßen. Öko heißt sparen, den Gürtel enger schnallen und den ökologischen Fußabdruck verkleinern, auf dem wir leben. Das Verführerische an diesem Leben mit dem erhobenen Zeigefinger ist die einfache Logik dahinter: weniger Konsum = weniger Rohstoffverbrauch = mehr Nachhaltigkeit. Diese Gleichung wurde allerdings ohne einer grundlegenden Herrschaftskritik gemacht.

Spehr schreibt dazu: „Die verschiedenen Strömungen der sozialen Gegenbewegung haben dieses Dogma in unterschiedlicher Weise akzeptiert und vertreiben sich die Zeit, die sie in der Ökofalle absitzen, am liebsten mit gegenseitigen Mäßigungsapellen“ (S. 236)

Nachhaltigkeit lässt sich nicht ohne Herrschaftskritik denken

Wenn wir sparen, heißt dies nicht, dass am Ende für alle mehr übrigbleibt. Das, was wir sparen, wird wieder von anderer Seite verbraucht. Beispielsweise durch die aufwändige Produktion und lange Transportketten der multinationaler Konzerne, die weltweit auf der Jagd nach billigen Arbeitskräften und Rohstoffen sind. Das sind aufgeblähte Staatsapparate, die mit Polizei und Militär die Praktiken der Konzerne sichern, indem sie Eigentumsrechte sichern (z.B. Landgrabbing) und die Aufstände der Bevölkerung niederdrücken, weil sie für mehr Land, bessere Arbeitsbedingungen und Demokratie auf die Straße gehen. Und es ist die Werbe- und Propagandamaschinerie, die uns erzählt, dass Geiz geil ist und das Freiheit der Besitz der neuesten Gadgets bedeutet - egal unter welchen ausbeuterischen Bedingungen das neue Smartphone produziert wurde. Die ökologische Frage kann nicht getrennt von der sozialen Frage beantwortet werden. Und diese ist eng verwoben mit Imperialismus, Rassismus und Sexismus.

Kritik der Ökobewegung

Spehr analysiert die blinden Flecken der Ökobewegung. Warum die vielen Nachhaltigkeitsstudien wie Zukunftsfähiges Deutschland oder Towards Sustainable Europe grundlegende Denkfehler haben und deshalb nicht die richtigen Schlüsse ziehen können. Warum die vielen staatlichen Naturschutzgebiete eher der Ressourcensicherung dienen, als dem Naturschutz. Oder wieso es auch für einen grünen Öko-Kapitalismus wichtig ist, die Umwelt zu zerstören. Nur so schafft er es, alle weiter in die kapitalistische Tretmühle einzuspannen uns sich über die ganze Welt auszudehnen.

Lösungen für eine nachhaltige Gesellschaft

Der Lösungsvorschlag von Spehr besteht in der Abwicklung des Nordens. Dies meint zunächst, die Zugriffsmöglichkeiten des Nordens auf die Ressourcen anderer Länder einzudämmen. Direkt durch die Friedensbewegung, aber auch die globalisierungskritische Bewegung (z.B. Attac). Die aktuellen Proteste gegen TTIP/CETA sind ein wichtiger Hebel, um die „Waffenfunktion der Ökonomie“ gegen ärmere Länder zu einzuschränken. Weiterhin fordert er eine Zurückdrängung des globalen Sektors durch die Förderung regionaler Produktions- und Konsumtionskreisläufe. Nur die weltweite Vernetzung ermöglicht es Unternehmen, ArbeitsnehmerInnen gegeneinander auszuspielen und Arbeits- wie Umweltschutzgesetze der Länder zu unterlaufen. In diese Kerbe schlägt auch die Forderungen nach einem bedingungslosen Grundeinkommen. Als „Entprivilegisierung der formalen Arbeit“ soll die schon lang formulierte feministische Forderung nach Anerkennung von Reproduktionsarbeit umgesetzt werden. Andere Punkte seines Lösungsvorschlags beschreiben Änderung der Gesellschaftspolitik zu mehr Basisdemokratie, Selbstorganisation und regionale Tausch- und Produktionskreisläufe in einer Shared Economy.

Wie liest sich das Buch?

Das Buch selbst ist definitiv nicht zur Abendlektüre im Bett geeignet. Obwohl es sehr süffisant und anekdotenreich geschrieben ist, erfordert die Tiefe der Argumentation und der Recherchearbeit einen wachen Geist. Zeitweilig sind einige Themen weit ausgeführt. Dies ermöglicht aber die vielen Aha-Erlebnisse beim Lesen, da am Ende die einzelnen Puzzleteile in einen Gesamtrahmen eingefügt werden. Überraschend war für mich die Aktualität des Buches - obwohl es schon zwanzig Jahre alt ist, hat es nicht an Analyseschärfe eingebüßt. Definitiv lesenswert, weswegen ich diesen Artikel auch bewusst kurz halte, um nicht zu viel vorweg zu nehmen.

Spehr, Christoph: Die Ökofalle. Nachhaltigkeit und Krise. 1996, Promedia Verlag, Wien, ISBN 3-85371-108-1, 238 Seiten


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