Buchrezension: Adieu, Wachstum! Vom Ende einer Erfolgsgeschichte (Norbert Nicoll)

Buchrezension: Adieu, Wachstum! Das Ende einer Erfolgsgeschichte (Norbert Nicoll)

Mit dem Sachbuch „Adieu, Wachstum! Das Ende einer Erfolgsgeschichte“ legt Norbert Nicoll eine Abhandlung über die Ursachen der sich verschärfenden Krisen, die wir durch unseren westlichen, auf Besitz ausgerichteten Lebensstil verursachen, vor. Das 432 Seiten starke Buch wurde 2016 im Tectum-Verlag (ISBN 978-3-8288-3736-2) veröffentlicht.

Wirtschaftswachstum spielte in 99% der Menschheitsgeschichte keine Rolle

In sieben Kapiteln erläutert Nicoll die Hintergründe der bevorstehenden multiplen Krise aus Klimawandel, Energiekrise und sich erschöpfenden Rohstoffen und beschreibt, wie diese entstanden sind. Er widmet sich kulturellen Mustern und wichtigen Wendepunkten in der Menschheitsgeschichte, ausgehend vom Übergang der Jagd-Gesellschaften hin zur sesshaften Lebensweise (neolithische Wende) und der Intensivierung von Landnutzung und Spezialisierung auf Handwerk und Handel. Über die Entwicklung des Feudalismus zeichnet Norbert Nicoll den Weg bis zu unserem heutigen globalisierten Finanzmarktkapitalismus nach.

Nachhaltigkeits-Problem: Die Diskrepanz von Denken und Handeln

Der große Rückgriff auf die Menschheitsentwicklung ermöglicht Erkenntnisse über kulturelle Muster und Änderungen in unserem Naturverhältnis, die schon lange vor der Industrialisierung die Pfade für die heutige Entwicklung legten. Besonders aufschlussreich ist das zweite Kapitel über die Software in unseren Köpfen: Denk- und Handlungsweisen, die auch heute noch dazu führen, dass wir die kommenden Probleme verleugnen und trotz besseren Wissens am gegenwärtigen Lebens- und Konsumstil festhalten. Durch unsere Mentalen Infrastrukturen (ein Begriff, den der Sozialpsychologe Harald Welzer prägte) erleben wir, d.h. Menschen aus den Industriegesellschaften, die Umwelt als intakt: Flugzeuge fliegen, die Supermärkte sind voll und die Straßen sind sauber. Diese scheinbar heile Außenwelt übersetzt sich auf unser Denken, dass uns eine insgesamt heile Welt vortäuscht: Die externalisierten Probleme wie Dürren, Überschwemmungen, vergiftete Gewässer und fruchtlose Böden im globalen Süden sind zu weit weg, um sie mit unserem Tun in Verbindung zu setzen.

Peak Oil und der Streit um die Reichweite

Wichtige Erkenntnisse liefern die Kapitel Peak Oil und Peak Everything durch Daten zur Endlichkeit der Ressourcen wie Sand, Phosphor, Trinkwasser, fruchtbare Böden und Seltene Erden. Auch für eine globale Energiewende brauchen wir endliche Ressourcen, um z.B. die Neodym-Magnete der Generatoren für Windkraftanlagen zu bauen. Diese als Seltenen Erden bezeichneten Elemente sind schon jetzt selten, aber für viele High-Tech-Geräte, wie sie auch in Wind- und Photovoltaik-Anlagen vorkommen, unverzichtbar. Wie können also nicht warten, bis sämtliche fossilen Energieträger wie Erdas, Erdöl, Kohle und auch Uran verbraucht sind, um uns dann auf erneuerbare Energien und Agrartreibstoffe zu konzentrieren. Der Umbau unserer Infrastruktur braucht selbst große Mengen an fossiler Energie. Je länger wir mit dem Umbau warten, desto leidvoller und krisenhafter wird der Umbau gehen.

Klimawandel und Rohstoff-Krise trifft besonders die Armen

Daran geknüpft ist auch die soziale Frage: für wen wird es in Zukunft noch bezahlbare Energie geben? Der Energiebedarf durch die globale steigende Nachfrage wird auch im reichen Norden irgendwann nicht mehr befriedigt werden können. Zudem ist die Energiekrise nicht nur eine Krise mangelnder Energieversorgung: Peak Oil verknappt auch Erdöl für die Herstellung von Treibstoff, der für den Transport von Gütern und Menschen benötigt wird. Erdöl ist aber auch Ausgangsstoff für viele Pflanzenschutzmittel. Auch mineralischer Kunstdünger wird knapper und damit teurer werden. Die sich verknappenden Rohstoffe werden sich im Preis der Produkte niederschlagen.  Steigende Lebensmittelpreise und Transportkosten für sämtliche Güter, die nicht regional erzeugt werden können, wird für viele Menschen einen Einbruch an Lebensqualität darstellen.

Für wen ist das Buch geeignet?

Das Buch ist sowohl für EinsteigerInnen wie auch für Leute, die sich schon länger für das Thema Postwachstum und nachhaltige Lebensweise interessieren, geeignet. Es zeigt die grundlegenden Probleme des Wachstums auf und damit, dass auch ein „grünes Wachstum" zu kurz gegriffen ist, um die Grundlage des menschlichen Lebens zu schützen. Der große Bogen, den das Buch schlägt, bietet einen umfassenden Zugang zu den geschilderten Problemen. Fakten und Konzepte werden durch Norbert Nicoll gut durch Quellen belegt, wie es für wissenschaftliche Publikationen üblich ist, ohne aber jedoch deren abstrakten bzw. Fremdwort gespickten Schreibstil zu übernehmen. Dies ermöglicht einen einfachen Zugang für Interessierte. Zugleich bietet Adieu, Wachstum! viele weiterführende Textbelege für Fachkundige, welche dadurch das Buch als Nachschlagewerk nutzen können, um Statistiken, AutorInnen und Konzepte zu prüfen und für die eigene Arbeit zu erschließen.

Wie weiter zur Postwachstumsökonomie?

Was das Buch nicht leistet, ist ein Wegweiser aus den Krisen zu sein, die durch das ungehemmte Wirtschaftswachstum verursacht werden. Schwerpunkt des Buches ist die Analyse, wie es zur Krise gekommen ist. Für deren Lösung diskutiert er kurz einige Möglichkeiten an, wie zum Beispiel:

Wahrscheinlich bräuchte es in einem Folgebuch „Wachstumsrücknahme, willkommen!“, in welchem, ebenso ausführlich wie die Entstehung der Krise, die Lösung für eine Postwachstumsökonomie beschrieben wird. Denn wie Norbert Nicoll richtig feststellt, mangelt es nicht an Wissen darüber, dass die kapitalistische Wachstumslogik die Ursache für die ökologische und soziale Krise ist. Was für den Ausweg aus der Krise fehlt, ist ein positiver Zukunftsentwurf einer Welt, in der wir mehr Zeit für soziale Beziehungen und weniger Lohnarbeit bei gleichzeitiger Befriedigung der Grundbedürfnisse und eine intakte Natur haben, die wir genießen können und die auch für zukünftige Generationen die Ressourcen bereitstellt, die sie für ein „gutes Leben“ brauchen.


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