Filmkritik: Die 4. Revolution: Energy Autonomy – sind 100% Erneuerbare Energien möglich?

Energiewende-Pionier Hermann Scheer als Protagonist in "Die 4. Revolution - Energy Autonomy"

Foto: Hermann Scheer, Träger des alternativen Nobelpreis (Quelle: Armin Kübelbeck CC BY-SA 3.0)

Das Kernthema des Films dreht sich um die Frage, ob 100% Erneuerbare Energien möglich sind. In exemplarische Skizzen werden Redebeiträge mit Gründer_innen von Pilotprojekten dargestellt. Der Spannungsbogen wird durch Interviewauszüge mit dem Chefökonom der Internationalen Energieagentur (IAE) Fatih Birol gesetzt. Im Anzug sitzt er in seinem Büro in Paris und legt durch die scheinbare Kraft der Zahlen dar, dass 100% Erneuerbare nicht in absehbarer Zeit möglich seien. Stattdessen ist ein Umbau der Energieproduktion hin zu mehr Klimaschutz nur durch Atomkraft und Nachrüstung der Kohlekraftwerken mit CCS möglich. Seine Beiträge werden durch Kurzpräsentationen von Windfarmen, Biogas, Photovoltaik und Solarthermieanlagen kontrastiert, die durch die Kommentare vom Solar-Pionier Hermann Scheer verknüpft werden.

DVD: Die 4. Revolution

Welche Projekte der Energiewende werden vorgestellt?

Thematisch geht es mit kurzen Eindrücken rund um die Welt. Vorgestellt wird eine Modellregion für Erneuerbare Energien in Dänemark, solare Elektrifizierungsprojekte in Mali, Elon Musk mit seinen Tesla Elektroautos, ein engergieeffizientes Bürogebäude in Deutschland, ein Solarthermie-Kraftwerk in Spanien oder das Konzept von Mikrokrediten der Grameen-Bank in Bangladesch und eine Solarfabrik in China. Mit kurzen Statements werden die jeweiligen Projekt vorgestellt und die Gründer_innen berichten schlaglichtartig von ihren Vision. Eine genauere Übersicht über die Energiewende-Projekte liefert die Wikipedia-Seite.

Schwachpunkte der Dokumentation über Erneuerbare Energien

Obwohl die Verstrickungen der Kohle- und Erdölindustrie als Kernproblem der Energiewende herausgearbeitet werden, schafft es der Film nicht konkrete Handlungsansätze jenseits von Appellen an die Industrie zu entwerfen. Vorgestellt werden zumeist Projekte mit mittlerem bis hohem Investitionsvolumen. Einzige Ausnahme bilden die kleinen Bürger_innenprojekte in Mali, die in kleinen Gruppen Solaranlage auf Schulen und Krankenstationen bauen oder ein Pflanzenölkraftwerden zur Stromproduktion betreiben. Insofern adressiert die Dokumentation die wohlhabenden Bevölkerungsschichten, die Investition in die Energiewende als Renditeprojekt betreiben. Nicht kritisiert wird der Konsumstil der reichen Industrie- und Schwellenländer, die auf Kosten anderer die fossilen Ressourcen verbrauchen. Auch der Umbau sämtlicher Stromproduktion zu Wind- und Solarkraftwerken löst die Umweltkrise nicht. Das Problem ist prinzipielle Ressourcenverbrauch, eines auf Wachstum konzentrierten Wirtschaftssystems. Nicht nur die fossilen Rohstoffe sind endlich. Diese Denkfalle des „grünen Kapitalismus“ wird mit dem Rebound-Effekt beschrieben: ökologische Einsparpotentiale werden wieder durch erhöhten Konsum zunichte gemacht.

Schöne Bilder, gute Unterhaltung

Die Macher_innen der Dokumentation haben einen spannenden ca. 1,5h Dokumentarfilm vorgelegt bei dem keine lange Weile aufkommt. Die inhaltliche Schwäche wird durch eindrucksvolle Bilder und professionelle Kameraführung wieder gutgemacht. Der Film thematisiert weder tiefgründig die Problemlagen, noch die Handlungsmöglichkeiten. Er bietet aber einen schön niedrigschwelligen Einstieg in die Problematik, ob 100% Erneuerbare Eniergie möglich sind – bleibt aber einer eindeutigen Antwort schuldig, da er Befürworter_innen und den Chefökonom der IEA in ihren Aussagen urteilsfrei gegenüberstellt. Durch die Wahl der Projekte und die Vielzahl der Beispiele auf der ganzen Welt, besteht aber an der Stoßrichtung kein Zweifel.


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