Harald Lesch über die Welt in 100 Jahren: „Wir werden nur aus Katastrophen lernen“

Harald Lesch über Rohstoffkriege und Flüchtlingskrisen in der Zukunft

Foto: Prof. Harald Lesch (Quelle: Medienmagazin Pro CC BY-SA 2.0)

Alpha-Centauri und Kosmos Moderator Lesch wagt in einem Vortrag eine Prognose, mit welchen gesellschaftlichen Problemen wir in den kommenden Jahrzehnten zu rechnen haben. Der Klimawandel wird viele Gebiete der Welt unbewohnbar machen, auch in Europa. Umweltflüchtlinge und Kriege um die letzten Ressourcen werden die Weltpolitik prägen.

Unser Wachstumsmodell verursacht den Klimawandel

Es sieht finster aus, wenn nicht bald etwas passiert. So zumindest die Ansicht von Astrophysiker Harald Lesch. In der Interviewreihe „Die Welt in 100 Jahren“ erzählen Lesch und andere Wissenschaftler von ihrer Vision der Zukunft.

Die Welt in 100 Jahren (mit Harald Lesch und vielen anderen) [2 DVDs]

Interview-CD mit Harald Lesch, Franz-Theo Gottwald, Sepp Holzer, Ernst Peter Fischer, Wilhelm Vossenkuhl, Yvonne Hofstetter, Ulrich Warnke, Illobrand von Ludwiger, Mathias Binswanger, Josef Gaßner, Hartmut Rosa, Wolfgang Heckl, Gerhard Vollmer, Stefan Weinfurter, Elisabeth Lukas, Gerald Hüther

 

Das Interview mit Harald Lesch ist auch Youtube zu finden. Seiner Meinung nach, sind die zentralen Schlüsselprobleme der Menschheit in den kommenden Jahren von Ressourcenknappheit geprägt. Wasserkriege im Nahen Osten, Bevölkerungswachstum in Afrika und Asien werden viele Regionen destabilisieren und zu weiteren Flüchtlingswellen führen. Mitteleuropa wird der Klimawandel, im Vergleich zu anderen Regionen, nicht ganz so hart treffen. Schlecht sieht es für Südeuropa aus. Spanien, Portugal, Süditalien und Griechenland werden durch einen Anstieg der Temperaturen und ausbleibenden Niederschlägen austrocknen. In Deutschland wird es zu Problemen mit der Trinkwasserversorgung kommen, da die konventionelle Landwirtschaft mit Kunstdünger und Pestiziden das Grundwasser ungenießbar macht.

Ursache dafür ist unser Wirtschaftssystem. Eine Wirtschaft, die stetiges Wachstum erfordert, wird in einer Welt mit begrenzten Ressourcen irgendwann an ihre Grenzen stoßen. Dies gilt auch für das Potential der Erneuerbaren Energien. Auch Wind und Sonne lassen sich nicht unendlich ausbeuten. Die Fusionsenergie als Hoffnungsträger für die stetig wachsenden Energiebedarf, wird allenfalls eine Lösung für reiche Industriestaaten sein, falls sie überhaupt in absehbarer Zeit tatsächlich für die Energieerzeugung nutzbar gemacht werden kann.

Prof. Harald Lesch: „Wir müssen uns beschränken“

Lesch's Konsequenz ist ein neues Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell. Abkehr von der Wachstumsideologie hin zu einem Modell, welches im Einklang mit den verfügbaren Ressourcen steht. Wir müssen uns beschränken, was unseren Konsum angeht. Durch neue gesellschaftliche Umverteilungsmechanismen muss der grenzenlose Konsum der Reichen beschränkt werden, damit auch die Armen ihre Grundbedürfnisse befriedigen können. Als Vorbild nennt er das skandinavische Steuersystem. Besonders in Finnland und Dänemark wird Einkommen hoch besteuert (Vergleich der Steuersätze: Wikipedia). Dementsprechend hat der Staat genügend Geld, um in das Sozialsystem des Staates zu investieren – eine Umverteilung von oben nach unten.

Politik muss sich wieder an naturwissenschaftlichen Fakten orientieren

Ein großes Problem sieht Lesch in der Politik. Hier fehlt es ihm an naturwissenschaftlichen Sachverstand. Er beklagt, dass zu viele Betriebswirte und Juristen die Politik bestimmen. Ihm schwebt eine Expertenregierung aus Wissenschaftlern vor, die naturwissenschaftliche Daten interpretieren und darauf angemessen reagieren können. In diesem Punkt bin ich anderer Meinung. Das höchste politische Amt wird beispielsweise von einer promovierten Physikerin bekleidet (Dr. rer. nat. Angela Merkel) – also eine Kollegin von Herrn Lesch. Dennoch ist die Umweltpolitik der Bundesregierung nicht nachhaltig. Weiterhin Förderung der fossilen Energien und konventioneller Landwirtschaft, Begrenzung des Ausbaus der Erneuerbaren Energien und ungenügende Investitionen in die Modernisierungen der Stromnetze behindern die Zukunftsfähigkeit für Deutschland und bieten ein schlechtes Vorbild für aufstrebende Staaten in Asien und Afrika.

Vortrag von Harald Lesch auf Youtube

Video: Vortrag von Harald Lesch über die Welt in 100 Jahren bei Youtube

Das Problem ist, dass Politik immer Interessensvertretung ist. Geld hilft bei der Interessensvertretung ungemein, wer also viel davon hat, kann seine Interessen in der Politik besser durchsetzen. Dieser Lobbyismus führt dazu, dass Interessen von finanzstarken Industrieverbänden besser bedient werden, als die der kleinen Umweltschutzorganisationen wie BUND, Naturschutzbund oder Greanpeace. Mehr Sachverstand in den Ministerien könnte zwar helfen die kognitive Dissonanz bei der Umweltpolitik zu vergrößern, solange aber bei den nächsten Wahlen eine konsequente Umwelt- und Sozialpolitik nicht mehrheitsfähig wird, bekommt die Bevölkerung weiterhin eine Regierung, die an Wirtschaftswachstum und Wettbewerb festhält und auf Wettbewerb statt Kooperation und Umverteilung setzt. In dieser Beziehung ist eher der Sachverstand in der Bevölkerung ausschlaggebend. Und da passt es im Sinne der aktuellen Wirtschaftseliten vielleicht ganz gut, dass weiterhin am dreiteiligem Schulsystem und dem strafen Bachelor- und Masterstudiengängen festgehalten wird, statt die schon seit Langem geforderte Neustrukturieriung des Bildungssystems in Deutschland anzugehen.


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